Methode der Oral History
Allgemeines
Kritik an der Oral History
Forschungsschritte eines Oral-History-Projekts
Literatur zur Oral History
Allgemeines
"Oral History" ist eine sozialhistorische Forschungsmethode, bei der Erinnerungsinterviews mit Zeitzeugen als historische Quelle dienen. Unter Oral History kann aber auch der Quellentypus, also mündliche Quellen (Interviews), verstanden werden. Durch die Methode der Interviews kann ein neuer Blick auf die Vergangenheit gewonnen werden, da Geschichte nicht nur als gestaltete Geschichte erlebt wird, sondern meist als erfahrene oder erlittene. Dabei wird historische Überlieferung erst im Nachhinein durch Gespräche über Erinnerung, deren Aufnahme auf Tonträger und ihre Auswertung produziert und als historische Quelle genutzt. Die einzige Form dieser Art und Weise, sich der Geschichte zu nähern, ist die äußere Form der mündlichen Weitergabe.
"Mündliche Geschichte" ermöglicht den Zugriff auf Geschichte, die nur in dieser Form zu erfahren ist, weil die befragten Menschen ihre Geschichte selbst nicht schreiben und sie vielleicht gar nicht als Geschichte wahrnehmen. Sie kommt dort zum Einsatz, wo schriftliche Quellen zerstört oder von vornherein nicht entstanden sind (z.B. durch Einführung des Telefons) oder - wie in unserem Fall - wo die untersuchten Akteure im Untergrund oder im Verborgenen tätig sein mussten. Auch die Erfassung von Lebensgeschichten und Alltag wird zum Teil nur durch die Oral History möglich.
Ziel dieser Methode ist also die Rekonstruktion alltäglicher Lebensverhältnisse und ihrer sinnhaften Deutung durch die Beteiligten. Dafür ist ein hohes Maß an Einarbeitung auf Seiten des Interviewers nötig, damit er präzise, vorinformierte Fragen stellen kann, deren Beantwortung Aufschluss über die untersuchte Fragestellung geben kann. Die Benutzerinnen der Oral History verwenden meist einen alltagsgeschichtlichen Ansatz, der an die Geschichte "von unten" anschließt - wenngleich ihnen auch die Elitenbiographik und die Erinnerung von historischen Entscheidungsträgern ein weiteres interessantes Feld bieten. Das Projekt "Regionales Gedächtnis in Kazan'" orientiert sich bei seinen Interviews an dem alltagsgeschichtlichen Ansatz, indem es "einfachen" Menschen eine Stimme gibt, die sonst noch nirgends gehört wurden.
Kritik an der Oral History
Allerdings ist Oral History als geschichtswissenschaftliche Methode nicht unumstritten. Der häufigste Vorwurf lautet, dass die verwendeten Quellen zufällig, einseitig, subjektiv seien - allerdings sind das die üblichen schriftlichen Quellen auch. Dem Vorwurf kann dadurch begegnet werden, dass das gleiche quellenkritische Verfahren wie bei anderen Quellen auch angewendet wird, also die formale, sprachliche, sachliche und ideologiebezogene Kritik. Weiteres Unbehagen verursacht die Sorge, dass das Erzählte vorstrukturiert sei, sich unbewusst an Formtraditionen und Orientierungsfolien binde (bei den Gesprächen über Erinnerung ist das Verhältnis zwischen Interviewerin und Interviewtem zentral), und gängige Darstellungen, Rituale und erlernte Gliederungsprinzipien reproduziere - auch das unterscheidet sie jedoch nicht von schriftlichen Quellen. Der Interviewer ist selbst an der Produktion der Quelle beteiligt und hat Einfluss auf sie, auch wenn er sich bemühen wird, eine eher passive und lediglich stimulative Rolle einzunehmen. Die Historikerin, die diese spezielle Methode verwendet, muss also schon während der Quellenproduktion Quellenkritik üben. Gerade die häufig kritisierte Subjektivität stellt die Stärke dieser Methode dar, da ja die subjektiven Seiten von Geschichte bei Oral-History-Projekten im Mittelpunkt stehen - bei uns die individuelle Erfahrung der antireligiösen Repressionen.
Forschungsschritte eines Oral-History-Projekts
1. Vorbereitung des Interviews
Zunächst muss das Forschungsinteresse bzw. das Erkenntnisziel genau festgelegt werden. Unser Interesse besteht darin, das Gedächtnis der Bewohner Kazans an die Hochzeit der antireligiösen Politik in 1960er Jahren zu beleuchten. Dazu benötigen wir die Methode der Oral History, weil die Interviews die einzige Möglichkeit darstellen, uns dieser speziellen Form der Erinnerung zu nähern. Die nächste Aufgabe besteht darin, zu klären, wonach konkret gefragt werden soll, was ist noch nicht bekannt ist und wofür durch die Interviews neue Quellen geschaffen werden sollen. Die Interviewer werden sich nun über sich im inhaltlich-sachlichen Bereich gründlich informieren und sich auf die Suche nach geeigneten Interviewpartnerinnen machen. Dabei stehen die Fragen im Mittelpunkt: Welche Gesprächspartner eignen sich? Welche Informationen kann uns welche Gruppe von Menschen über die Ereignisse mitteilen (Opfer, Aktivisten u.a.)? Welche Gruppen sind für unsere Fragestellung unerlässlich? Die geeigneten Personen werden im Anschluss ausfindig gemacht (zum Beispiel über Akten, Zeitungsaufrufe, Institutionen etc) und die Interviewerinnen knüpfen den ersten Kontakt zu ihnen, wobei die potentiellen Interviewpartner genau über das Forschungsprojekt informiert werden.
2. Erhebungsunterlagen/System der Erfassung (Medienbasis)
Der zweite Schritt, der in der Regel parallel zur Lese- und Kontaktphase verläuft, besteht darin die medialen und technischen Grundlagen für die Interviews zu schaffen. Die Interviewer erstellen ein Werkstatt-Tagebuch, das zu allen Interviews geführt werden sollte. Es dient dazu, subjektive Notizen der Gesprächsführer und die vielfältigen Eindrücke, die der Interviewer während den Gesprächen gewinnt zu sammeln - darunter fallen vor allem nicht sichtbare Faktoren, die ein Interview beeinflussen, also die Atmosphäre, die Befindlichkeiten und das Ambiente. Auch die visuellen Eindrücke, die auf dem Tonband nicht feststellbar sind, werden in das Werkstatt-Tagebuch verzeichnet - z.B. Weinen, nervöse Gesten, Zorn usw. Außerdem soll es Reflektionen über Ziele und die Forschungsinteressen in verschiedenen Stadien des Projekts enthalten. In der Regel wird das Tagebuch - subjektiv und spontan - unmittelbar nach dem Besuch geführt. Außerdem wird in dieser Phase die Technik beschafft und ausgetestet.
3. Eigentliche Durchführung des Interviews
Bei der Durchführung der Interviews sind vor allem am Anfang des Gesprächs einige Dinge zu beachten. Den Ort für das Interview soll die Interviewpartnerin bestimmen. Zunächst werden dem Gegenüber alle Einzelheiten des Projekts und die technischen Geräte erläutert. Außerdem sollten die Regeln der Anonymisierung, also die "Rechte" am Interview dargestellt werden. Während des Interviews führt der Interviewer eine Art Protokoll, in das inhaltlich-thematische Schwerpunkte des Gesprächs sowie die wichtigsten Begriffe und ihr Zusammenhang mit dem generellen Forschungsinteresse in Stichworten notiert werden.
Das konkrete Vorgehen bei der Befragung ist prinzipiell flexibel, aber ergebnisorientiert. Die erste Phase - die Impulsphase - dient der Anregung des "szenischen Gedächtnisses", dem Interviewten soll also die Möglichkeit gegeben werden, sich wieder in die Situation hineinzudenken, seine Erinnerungen aufleben zu lassen. Dabei hält die Interviewerin kein geschlossenes Fragesystemsystem bereit, um den Partner nicht mit der eigenen Fragestruktur einzuengen. In der Regel folgen Erinnerungsinterviews keiner linearen Struktur, sondern bewegen sich eher kreisend und assoziativ um den Kern des Untersuchungsinteresses und vollziehen sich prozessual - weshalb mehrere längere Interviews mit einer Person sinnvoll sind. In dieser ersten Phase hält der Interviewer sich bewusst zurück und stellt lediglich Veständnisfragen oder Nachfragen zur chronologischen Einordnung. In einer zweiten Phase ist Zeit für vorbereitete Fragen und Rückfragen zum Gehörten. Auch daraus ergeben sich in der Regel weitere Erzählungen. Im Rahmen unseres Projektes führen wir thematische Interviews durch, zu denen kein ausformulierter Fragenkatalog nötig ist, sondern lediglich ein Leitfaden. Am Anfang steht der Erzählimpuls, also eine offene Frage, die zum Erzählen motivieren soll, erst später werden die erkenntnisgeleiteten Fragen gestellt. In der letzte Phase können dann die Punkte angesprochen werden, die im Gespräch noch nicht berührt wurden, für das Erkenntnisinteresse allerdings unabdingbar sind.
Beim Gespräch selbst darf der Gesprächsleiter nie die spezielle Situation des Interviews vergessen: Die Machtverteilung liegt zu seinen Gunsten, allerdings herrscht ein äßerst ambivalentes Informationsgefälle. In unserem Fall könnten der Generationsunterschied, eventuell das Gefälle in der Bildung, die andere Nationalität oder die ungewohnte, schlechte Ausdrucksfähigkeit im Russischen zum Problem werden - inwiefern das Schwierigkeiten bereiten wird, hängt vermutlich vom Einzelfall ab. Dem kann die Interviewerin begegnen, indem sie Neugier an der Erzählung zeigt und den Erfahrungen und Erinnerungen der Interviewpartner Respekt entgegen bringt.
Gerade für die Durchführung der Interviews gilt die Devise: "Learning by doing" - leider ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.
4. Auswertung der Interviews
Unmittelbar nach dem Gespräch wird ein Gesprächsprotokoll angefertigt, der die Notizen während des Gespräches, die eigenen Eindrücke vom Gesprächspartner, die eigenen Fehler und Gefühlsregungen festhält. Dann wird das Interview in voller Länge transkribiert - mit allen Fehlern und Ungenauigkeiten der mündlichen Sprache. Die Transkription nimmt zwar viel Zeit in Anspruch, ist aber unerlässlich, da sie erst die Strukturierung des Gehörten ermöglicht und da die Interviews als historische Quellen behandelt werden, und so jede Kürzung als eine bewusste Fälschung gedeutet werden kann. In einem weiteren Schritt wird der Text strukturiert und auf unterschiedliche Art und Weise geordnet: als Datenabstract, Kurzbiographie, Zusammenfassung des Interviewverlaufs, Indexierung seiner Sachaussagen und Exzerpierung seiner "Geschichten". Bei der Interpretation und der inhaltliche Auswertung der Interviews stellt sich die Frage, wie man von den komplexen Einzelfällen, die sich in den Interviews ergeben haben, zu allgemeineren Befunden kommen kann. Dazu ist es nötig, die wahrgenommene Fremdheit inhaltlich zu präzisieren, ihre Voraussetzungen zu rekonstruieren und die Inhalte der einzelnen Interviews zueinander in Beziehung zu stellen und so zu vergleichen. Beim Vergleich mehrerer Äußerungen aus einer durch gemeinsame soziale und kulturelle Strukturen verbundenen Gruppe treten diese Strukturen deutlicher hervor und zeigen den Spielraum, den sie dem einzelnen lassen. Dabei gilt, dass je homogener die Gruppe ist, desto leichter sich dieses Verfahren anwenden lässt.
Literatur zur Oral History
Richie, Donald A., Doing oral history. A practical guide, 2. Aufl., Oxford 2003.
Stöckle, Frieder, Zum praktischen Umgang mit Oral History, in: Oral history. Mündlich erfragte Geschichte. Acht Beiträge, ed. Herwart Vorländer, Göttingen 1990.
Vorländer, Herwart, Mündliches Erfragen von Geschichte, in: Oral history. Mündlich erfragte Geschichte. Acht Beiträge, ed. Herwart Vorländer, Göttingen 1990, S. 7-28.
Wierling, Dorothee, Oral History, in: Aufriss der Historischen Wissenschaften (Bd. 7, Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft), Stuttgart 2003, S. 81-151.


